Über das MeerPodcast-Kritik: Jürgen Rickmers – Durch die Stürme des 19. Jahrhunderts

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Aus einer Seekiste mit Reiseberichten wurde ein Podcast, der entlang einer wahren Kapitänsgeschichte kurzweilig über das lange, 19. Jahrhundert berichtet.

Auf der kleinen dänischen Nordseeinsel Fanø, zehn Fußminuten vom Anleger der Fähre entfernt, gibt es ein Museum. Das schlichte Haus mit dem inseltypischen Reetdach war einst das Wohnhaus der Familie von Hans Peter, einem Schiffer, der es in seinem Leben im späten 19. Jahrhundert und am Anfang des 20. zu bescheidenem, aber auskömmlichen Wohlstand gebracht hatte. Viele Mitbringsel von seinen Reisen sind dort zu sehen, Fotos und Berichte, doch das eigentlich Spannende des Ortes: Er zeigt, wie während der oft monate- manchmal jahrelangen Seereisen die Frauen der Familie, zunächst Peters Gattin und nach deren schwerer Erkrankung eine Schwester bzw. Schwägerin das Regiment übernahmen – sie kümmerten sich nicht nur um die Kinder und den Haushalt, sondern praktisch um alles. Und weil auf Fanø die meisten Männer dieser Zeit zur See fuhren, gab es praktisch ein Matriarchat auf der Insel, von der Landwirtschaft über Verwaltungsfragen bis zur Bedienung der noch wenigen Kraftfahrzeuge auf den Straßen zwischen Nordby und Sonderho. 



Der Podcast Jürgen Rickmers – durch die Stürme des 19. Jahrhunderts erzählt eine ganz ähnliche Geschichte, nämlich die eines auf der Insel Föhr geborenen Kapitäns. Heute Schleswig-Holstein, war Föhr damals wie Fanø dänisch. Mit der Hamburger Familie, deren einstiges Flaggschiff man heute noch im Hafen besichtigen kann, hat Rickmers nichts zu tun, der Name ist nicht selten im Norden. Wie Hans Peter fuhr auch Rickmers weite Fahrten rund um den Globus, vor allem nach New York gingen viele seiner Reisen. Zu dem Podcast kam es, weil der Hamburger Audio-Engineer und Produzent Bente Faust die Seekiste seines Ururgroßvaters Rickmers fand – und er dessen Reisenotizen auf diese Weise verarbeitet hat. Es geht gleich dramatisch los, mit einer Seenot, die Rickmers vor China beinahe das Leben gekostet hätte (er wurde in der Heimat gar für tot erklärt), die Wind-, Wasser- und Unter-Wasser-Sounds sind durchaus beeindruckend.

Man stellt sich folglich auf ein Audio-Spektakel ein, auf die spannende neunteilige Reise eines wettergegerbten Seebären. Doch der Podcast schlägt eine andere Richtung ein. Er ist eher ein Audio-Essay, das sich an den Routen Rickmers’ entlang der großen Themen jener Zeit zuwendet. Denn während Rickmers über die Meere fährt, ändert sich die Welt um ihn herum dramatisch: Da ist die massenhafte Migration aus dem unter Armut darbenden Europa in die Neue Welt (Rickmers brachte viele hinüber), da grassiert die Cholera und die Kindersterblichkeit ist hoch – auch die Familie des Protagonisten muss dies mehrfach schmerzlich erfahren. Da ist der zunehmende Handel zwischen den Kontinenten und eine Vielzahl technischer Errungenschaften, die ganze Lebensweisen ändern, die Stadt „erfinden“. Und zu Hause auf dem beschaulichen Föhr entsteht, wie eingangs beschrieben, eine egalitäre, in Abwesenheit der Männer von den Frauen gemanagte Gesellschaft. Bis die Preußen einziehen und mit ihnen eine militärische Restauration. All dies macht sich der Neunteiler zum Thema. 

Das ist recht groß angelegt und bleibt inhaltlich doch, zumal die Folgen keine zwanzig Minuten lang sind, oft kurz und knapp, aber: Wenn man sich darauf einlässt, ist „Jürgen Rickmers – durch die Stürme des 19. Jahrhunderts“ eine schöne, kurzweilige Erfahrung – und unbedingt unter Kopfhörern, Sound-Design und Musik des Neunteilers sind klasse. Boy Cassady, Jan Plewka und Männergesangsverein Föhr West – nur einige der vielen Namen, die mit Stimmen und Instrumenten beitragen.

Etwas überflüssig ist allerdings, dass die Audioproduktion manchmal freidreht, etwa wenn auf einmal Weltraumsound statt Wellenrauschen zu hören ist oder New York im Beat der Gegenwart und nicht zeitgenössisch erklingt. Das soll witzig sein. Vielleicht war es das ja, als der Podcast live aufgeführt wurde. Nichtsdestoweniger: eine Hörempfehlung. Bei der man gar lernt, dass die Verbindungen zwischen Föhr und NYC so weit gingen, dass Föhrer im großen Apfel viele Delis eröffneten und der ikonische Manhattan auch auf dem nordfriesischen Eiland recht gerne getrunken wird.

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