Wochenend-WalkmanDiesmal mit The Gentleman Losers, Anthony Naples und The Samps

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Jeden Samstag haben wir drei Platten für euch – zumeist drei Tipps, mindestens aber drei Meinungen. Brandneu, wieder entdeckt oder aus der Geschichtskiste ausgebuddelt. Heute mit The Gentleman Losers, Anthony Naples und The Samps.

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The Gentleman Losers – Make We Here Our Camp Of Winter

Thaddeus: Vor ziemlich genau einem Jahr klingelte die Briefträgerin und brüllte in die Gegensprechanlage, sie habe da „etwas Großes“ und müsse mal hochkommen. Es war ein Paket aus Estland – drin war das Album „Permanentely Midnight“ von den Gentleman Losers. Schön, dass es auch zu Weihnachten 2018 wieder mit neuer Musik der beiden Brüder Samu und Ville Kuuka geklappt hat. Ich habe bereits eine Grußkarte gekauft, die die beiden Musiker hoffentlich noch zwischen den Jahren erreichen wird – mit meinem freundlich formulierten Wunsch, fortan mindestens einmal pro Jahr ein musikalisches Lebenszeichen in die Welt zu entlassen. Daumen drücken, dass das klappt. Das neue Album, dessen Titel die britische Band The Remote Viewer freundschaftlich in Bezug auf die beste Namensgebung für Platten anzählt, erscheint dieses Mal mit viel Understatement in einer Mini-Auflage auf CD, handgefertigt in Athen bei Sound In Silence, ein Label, das man permanent auf dem Zettel haben sollte, nicht nur zur Mitternacht. Wundervolle Entdeckungen jeden Monat. Und genauso wundervoll ist natürlich auch „Make We Here Our Camp Of Winter“. Acht Stücke, die dem samtenen Kosmos der Gentleman Losers acht weitere Versatzstücke hinzufügen, ohne die, das wird schnell klar, man zukünftig nicht wird leben können. Kleine Heizlüfter, die uns egal zu welcher Jahreszeit immer auf die genau richtige Temperatur im Herzen bringen, und dabei eine uneingeschränkte Schönheit mit angeschlossener Hoffnung versprühen. Mit den Jahren haben Samu und Ville Kuuka diese Herzensangelegenheit so perfekt geschliffen, dass man sich fragen muss, warum die Musik nach wie vor in so wenigen Herzen ankommt. Ich schreibe dieses Jahr noch eine Grußkarte. Und bitte Mary Anne Hobbs, 2019 in ihren Sendungen auf BBC6 Music doch nicht ganz so oft den Frahm und Arnalds auszupacken und dafür lieber The Gentleman Losers aufzulegen und auf die Radiowellen-Reise zu schicken: Vielleicht hilft das ja.

Anthony Naples – Take Me With You

Anthony Naples – Take Me With You

Ji-Hun: Der aus Brooklyn stammende Produzent und DJ Anthony Naples hat nach „Body Pill“ von 2015 nun sein zweites Album herausgebracht. „Take Me With You“ erscheint auf Good Morning Tapes und ist eine Art Diaporama seines musikalischen Spektrums auf kompakten 37 Minuten. Hier wird kein Track Club-mäßig aufgebaut, die meisten sind um die drei Minuten lang. Das ist kein Dancefloor-Setting, sondern eher eine Szenerie der Zwischenräume. Wenn Techno und Hose vor dem Ausgehen gehört wird, im Transit, beim Spazieren oder Kochen. Vielleicht auch die verschallerte After-Hour, aber dafür ist das Album fast zu skizzenhaft, zu dezent, um flachgebügelte Gehirne nochmal richtig auf Vordermann zu bringen. Die Produktion ist trotz aller Outsider- und LoFi-Referenzen fein austariert und Naples gelingt es, eine interessante und zugleich neugierige Geschichte zu erzählen.

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The Samps – Breakfast

Benedikt: J. Darrah, aka 12manrambo kommt aus Oakland, sammelt und vercheckt Tapes und bloggt darüber. Harland Burkhart, ebenfalls aus Oakland, spielt Drums in tendenziell Metal-orientierten Bands wie Wild Hunt und Dispirit. Der dritte im Bunde kommt aus L.A., heißt Cole M. Greif-Neill oder einfach Cole M.G.N. und gehört irgendwie zu Ariel Pink's Haunted Graffiti. Seine musikalischen Spuren hinterlässt er aber vor allem in den Credits von anderen, wie Discogs verrät. Dort finden sich Namen wie Beck, Julia Holter, Caribou, Anderson.Paak, Snoop oder Laurel Halo. Der Versuch das Schaffen dieser drei Musiker in einem einzigen Satz zusammenzubringen kann nur scheitern, aber genau dafür gibt es ja den Bandnamen: The Samps. Eine Jam-Session, an deren Ende eine Platte wie diese steht, kann man sich so vorstellen: Jeder bringt mit, was er irgendwie gut findet. Da ist dann alles dabei: Post-Punk, Electronica, HipHop, Film-Dialoge, Jazz & Funk, Soft-Rock und jede Menge mehr. Dann wird alles zerstückelt und die Pads der MPC werden mit den zerfetzten Überresten bestückt. Und dann wird einfach losgelegt. Raus kommt wohltemperiertes Chaos mit unglaublich hohem Spaßfaktor. Eine Platte, die einfach mal wieder einfach nur cool ist. Ohne große Geste, Meta-Kritik und intellektuellem Ansatz. Sophisticated ist hier nur das Handwerk – und das reicht völlig.

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